Haben Sie schon einmal beobachtet, wie Ihr Hund an einem Juli‑Morgen durchs kniehohe Gras streift, die Nase tief im Duft der Sommerwiese? Für uns klingt das nach Freiheit – für Zecken nach Einladung. In den letzten Jahren habe ich in der Praxis in Tübingen immer häufiger Hunde gesehen, die nicht nur unsere heimische Auwald‑ oder Gemeine Holzbock‑Zecke mitbringen, sondern auch die tropische Hyalomma‑Art: groß, gestreift und erstaunlich schnell unterwegs. Dass diese Exoten mittlerweile in Baden‑Württemberg überwintern, hängt unmittelbar mit den milderen, feuchten Wintern zusammen – ein klassisches Beispiel dafür, wie Klimaveränderung tiermedizinische Realität wird.
Zecken – kleine Vampire mit großer Wirkung
Eine Zecke ist kaum größer als ein Sesamkorn, doch ihr Rucksack an Krankheitserregern ist beträchtlich: Borrelien, Anaplasmen, Babesien – und bei Hyalomma sogar Rickettsien. Gefahr lauert längst nicht mehr nur an Wald- und Feldrändern; selbst städtische Grünanlagen bieten den Blutsaugern perfekten Lebensraum. Entscheidend ist heute weniger die Jahreszeit als die Temperatur: Ab etwa 7 °C werden Zecken aktiv. Das bedeutet praktisch einen Ganzjahresdienstplan für uns Tierärzte – und für Sie als Halter.
Moderne Zeckenprävention – ein Baukasten statt Einheitslösung
Zeckenschutz ist längst mehr als ein Spot‑on alle paar Monate. Orale Akarizide auf Isoxazolin‑Basis haben den Markt revolutioniert – und doch bleibt die Herausforderung der Regelmäßigkeit. Seit 2024 steht uns ein Fluralaner‑Depotpräparat zur Verfügung: Eine einzige Injektion schützt zwölf Monate vor Zeckenbefall. Für wen eignet sich diese Jahres‑Spritze?
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- Für Jungspunde, die Tabletten zerbeißen, statt sie zu schlucken.
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- Für Senioren, deren Magen empfindlich auf orale Wirkstoffe reagiert.
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- Für Familien, die Urlaub und Alltag nicht um Medikamentenpläne herum organisieren möchten.
Andere bewährte Strategien bleiben wichtig: das tägliche Abstreichen des Fells nach dem Spaziergang, fein gearbeitete Halsbänder mit Deltamethrin‑Matrix sowie Spot‑ons, die zusätzlich Stechmücken fernhalten – ein angenehmer Nebeneffekt in einem Sommer, der immer häufiger von Mückenplagen begleitet wird. Entscheidend ist, dass Sie das Mittel wählen, das zu Ihrem Hund, Ihrem Alltag und Ihrem Geldbeutel passt. Dabei begleite ich Sie gern – sei es in der Sprechstunde vor Ort oder per Video, wenn der Terminkalender eng ist.
Mythen & Fakten: Was stimmt wirklich?
„Zecken fallen von Bäumen.“
Dieses Bild hält sich hartnäckig, ist aber falsch. Zecken klettern selten höher als 1,50 m. Sie warten im Gras oder auf niedrigen Sträuchern und lassen sich von vorbeistreifenden Tieren abstreifen. Wer Kopf und Rücken seines Hundes kontrolliert, sollte also unbedingt auch die Brust‑, Bauch‑ und Beinpartien im Blick behalten.
„Kokosöl reicht als natürlicher Schutz.“
Kokosöl kann Zecken in Laborversuchen kurzzeitig irritieren, ein verlässlicher Schutz ist nicht belegt. Wenn – dann allenfalls als zusätzliche Maßnahme, nicht als Ersatz für ein medizinisch geprüftes Präparat.
„Im Winter gibt es keine Zecken.“
Sobald das Thermometer über 7 °C klettert, werden Zecken aktiv. In milden Wintern wie 2023/24 habe ich im Januar positive Borreliose‑Antikörper‑Tests gesehen – der Beweis, dass Winterspaziergänge ohne Schutz riskant sein können.
„Borreliose ist die einzige Gefahr.“
Borreliose dominiert die Schlagzeilen, doch Anaplasmose, Babesiose und – bei südlichen Reisen – Ehrlichiose können für Hunde mindestens ebenso bedrohlich werden. Ein breit wirksames Akarizid reduziert das Risiko für alle genannten Erreger.
„Zecken muss man mit Öl oder Nagellack ersticken."
Auf keinen Fall! Öl, Alkohol oder Nagellackstressen die Zecke, sodass sie vermehrt Erreger in die Bissstelle abgibt. Besser: Mit einer feinen Zeckenkarte oder Pinzette möglichst hautnah greifen und gleichmäßig herausziehen. Zur Not in der Praxis vorbeikommen – wir zeigen Ihnen den Handgriff gern.
Was bedeutet das für Mensch und Tier konkret?
Jeder früh entdeckte und richtig entfernte Parasit ist ein kleiner Sieg, doch kein Freibrief. Wird eine Zecke entfernt, bevor sie mehr als 24 Stunden Blut gesaugt hat, sinkt das Infektionsrisiko drastisch. Moderne Akarizide unterbrechen den Saugakt oder töten die Zecke, bevor Erreger übertragen werden. Die Langzeitinjektion fügt einen neuen Komfortfaktor hinzu: gute Planbarkeit, besonders wenn Urlaube in Süd- oder Osteuropa anstehen. Aber sie ersetzt nicht die tägliche Achtsamkeit.
Ein Schnellcheck nach jedem Ausflug – Pfoten, Zwischenräume, Ohren, Achseln – bleibt Goldstandard. Ich erlebe oft, dass dieses kleine Ritual die Bindung zwischen Hund und Mensch stärkt: keine lästige Pflicht, sondern eine Minute intensiver Nähe, in der Ihr Vierbeiner Ihre Fürsorge spürt.
Ein Blick nach vorn
Mit dem Klimawandel wird uns das Thema Zecken weiter begleiten. Doch Prävention entwickelt sich ebenso schnell wie die Parasiten. Bleiben Sie neugierig, sprechen Sie Veränderungen offen an, und scheuen Sie sich nicht, eine vermeintlich „kleine“ Zecke zu fotografieren oder mitzubringen – jede Dokumentation hilft, neue Risiken früh zu erkennen.
Der nächste Sommer kommt bestimmt, die nächste Wiese liegt gleich um die Ecke. Mit der richtigen Mischung aus moderner Medizin und täglicher Achtsamkeit darf Ihr Hund sie getrost erobern – und Sie genießen entspannt den Augenblick.