Kaninchen zeigen Erkrankungen oft erst spät – und wenn sie es tun, wirken die Symptome auf den ersten Blick harmlos oder rätselhaft. Eine leicht geneigte Kopfhaltung, ein unsicherer Gang oder scheinbar grundloser Appetitverlust wird nicht immer sofort mit einer ernsthaften Infektion in Verbindung gebracht. Doch genau hier liegt die Gefahr: Eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Kaninchen – die Encephalitozoonose – bleibt lange unentdeckt, weil sie sich schleichend entwickelt und viele Gesichter hat.
Was ist Encephalitozoonose?
Ausgelöst wird die Krankheit durch einen winzigen Einzeller: Encephalitozoon cuniculi. Dieser Parasit befällt vor allem das zentrale Nervensystem, die Nieren und in manchen Fällen auch die Augen. Das Tückische: Die Infektion verläuft häufig über Monate oder Jahre symptomlos. Viele Kaninchen tragen den Erreger in sich, ohne jemals zu erkranken – ein positiver Antikörpernachweis bedeutet also nicht zwangsläufig, dass das Tier akut krank ist. Erst wenn das Immunsystem aus dem Gleichgewicht gerät, zum Beispiel durch Stress, andere Erkrankungen oder Haltungsprobleme, kann es zu einem Ausbruch kommen.
Erste Anzeichen und typische Symptome
In unserer Praxis in Wurmberg begegnen wir immer wieder Fällen, bei denen die Encephalitozoonose erst spät erkannt wird – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die ersten Anzeichen leicht zu übersehen sind. Ein Kaninchen, das sich plötzlich weniger bewegt, das Futter sortiert oder seinen Kopf leicht zur Seite neigt, gibt nicht sofort Anlass zur Sorge. Doch genau diese leisen Veränderungen können die ersten Hinweise auf eine beginnende neurologische Störung sein.
Mit fortschreitender Erkrankung zeigen betroffene Tiere oft eine ausgeprägte Schiefhaltung des Kopfes, taumelnden Gang, Koordinationsstörungen oder sogar unkontrollierte Bewegungen. Manche beginnen im Kreis zu laufen, andere wirken teilnahmslos, verlieren Gewicht oder verweigern die Nahrungsaufnahme. Wird das zentrale Nervensystem stärker beeinträchtigt, kann es zu Krampfanfällen oder Lähmungen kommen.
Ein weiteres, weniger bekanntes Symptom ist eine sogenannte Phacolyse – eine Veränderung der Augenlinse, die mit einer schmerzhaften Entzündung des Auges einhergehen kann. Auch diese kann auf eine Beteiligung durch E. cuniculi hinweisen.
Diagnose: Warum ein einzelner Blutwert nicht genügt
Die Diagnostik der Encephalitozoonose ist komplex. Ein Antikörpernachweis im Blut zeigt lediglich, dass das Tier Kontakt mit dem Erreger hatte – nicht jedoch, ob die beobachteten Symptome tatsächlich durch die Infektion verursacht werden. Umgekehrt kann ein negativ getestetes Tier dennoch betroffen sein, wenn es sich um eine frühe Infektion handelt oder die Immunantwort individuell ausbleibt.
Deshalb ist eine sorgfältige klinische Abklärung entscheidend. Neben einer gründlichen Allgemeinuntersuchung gehören neurologische Tests, eine Analyse der Haltungsbedingungen und – falls möglich – weiterführende bildgebende Verfahren oder Labordiagnostik zum Vorgehen. Wichtig ist auch die Abgrenzung zu anderen möglichen Ursachen: Mittelohrentzündungen, Vergiftungen, Tumoren oder Stoffwechselstörungen können ähnliche Symptome auslösen.
Therapie: Was möglich ist – und was realistisch bleibt
Die Behandlung richtet sich nach dem klinischen Bild. In der Regel kommen antiparasitäre Wirkstoffe zum Einsatz, kombiniert mit entzündungshemmenden Medikamenten. Je nach Ausprägung der Symptome kann eine unterstützende Therapie notwendig werden – etwa Infusionen, Ernährungshilfen oder Schmerzbehandlung.
Es ist wichtig, offen über die Prognose zu sprechen. In vielen Fällen lassen sich die Symptome deutlich lindern, und die Lebensqualität kann langfristig erhalten oder wiederhergestellt werden. Ein vollständiges „Heilen“ im Sinne einer Eliminierung des Erregers ist jedoch meist nicht möglich – die meisten Tiere bleiben lebenslang Träger.
Frühzeitiges Erkennen ist deshalb der entscheidende Faktor. Je eher mit der Behandlung begonnen wird, desto besser sind die Chancen, schwerwiegende neurologische Ausfälle zu verhindern oder rückgängig zu machen.
Was Halter wissen sollten
Für Kaninchenhalter im Enzkreis, in Wurmberg oder dem Raum Pforzheim ist wichtig zu wissen: Die Infektion mit E. cuniculi ist nicht meldepflichtig und nicht ansteckend für Menschen unter normalen Umständen. Dennoch ist sie unter Kaninchen weit verbreitet – insbesondere dort, wo viele Tiere gehalten werden oder Neuzugänge ohne Quarantäne integriert werden.
Eine regelmäßige Beobachtung des Verhaltens, schnelle Reaktion bei Auffälligkeiten und eine Haltung, die Stress minimiert, helfen, das Risiko eines Ausbruchs deutlich zu reduzieren. Auch Hygienemaßnahmen – etwa regelmäßiges Reinigen von Näpfen, Böden und Schlafplätzen – können die Belastung mit infektiösen Sporen verringern.
Aus der Praxis
Wir nehmen uns in solchen Fällen besonders viel Zeit – gerade weil die Diagnostik nicht immer eindeutig ist. Viele Kaninchen leben trotz positiver Antikörper ganz unauffällig und genießen ihr Leben viele Jahre. Entscheidend ist, die Warnzeichen ernst zu nehmen – und nicht zu hoffen, dass sich „die Schieflage schon wieder legt“.
Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Tier betroffen sein könnte, oder mehr über den Umgang mit dieser Erkrankung wissen möchten, beraten wir Sie gerne – telefonisch oder bei einem Termin in unserer Praxis in Wurmberg.