Plötzliche Gleichgewichtsstörungen beim Hund: Das Vestibularsyndrom

Wir erleben es in der Praxis regelmäßig: Hunde werden vorgestellt, die von einer Minute auf die andere nicht mehr sicher stehen können, den Kopf schief halten, taumeln oder umfallen. Für die Halter wirkt dieses Bild oft dramatisch, nicht selten fällt sofort das Wort „Schlaganfall“. In vielen dieser Fälle handelt es sich jedoch um ein Vestibularsyndrom – eine Störung des Gleichgewichtssystems, die optisch beunruhigend ist, medizinisch aber differenziert betrachtet werden muss.

Das Vestibularsystem ist ein komplexes Zusammenspiel aus Strukturen im Innenohr und zentralnervösen Anteilen im Gehirn. Es sorgt dafür, dass der Hund seine Körperlage im Raum korrekt wahrnimmt und Bewegungen koordiniert ausführen kann. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, verliert der Hund die Fähigkeit, Haltung und Bewegung zuverlässig zu steuern. Die Symptome treten meist plötzlich auf, ohne Vorwarnung.

Warum das Erscheinungsbild täuscht

Aus tierärztlicher Sicht ist das Vestibularsyndrom ein gutes Beispiel dafür, wie stark äußeres Erscheinungsbild und tatsächliche Prognose auseinanderliegen können. Ein Hund, der nicht mehr laufen kann, erbricht und dessen Augen unkontrolliert hin- und herpendeln, wirkt hochgradig krank. Gleichzeitig handelt es sich bei der häufigsten Form – dem sogenannten peripheren Vestibularsyndrom – oft um eine gutartig verlaufende Störung, insbesondere bei älteren Hunden.

Wichtig ist jedoch die Abgrenzung zur zentralen Form, bei der die Ursache im Gehirn liegt. Diese ist seltener, aber ernster. Äußerlich lassen sich beide Formen für Laien kaum unterscheiden. Deshalb ist eine zeitnahe tierärztliche Untersuchung immer notwendig, um anhand neurologischer Tests und des Gesamtbildes eine Einordnung vorzunehmen.

Diagnostische Einordnung in der Praxis

In der Praxis beginnen wir mit einer gründlichen allgemeinen und neurologischen Untersuchung. Dabei achten wir unter anderem auf Bewusstseinslage, Stellreaktionen, zusätzliche Lähmungserscheinungen oder Auffälligkeiten, die über das reine Gleichgewichtsproblem hinausgehen. Ergänzend können Blutuntersuchungen sinnvoll sein, um entzündliche oder metabolische Ursachen auszuschließen. Bildgebende Verfahren sind nicht in jedem Fall erforderlich, können aber bei Verdacht auf eine zentrale Ursache notwendig werden.

Für die Halter ist wichtig zu wissen: Auch wenn keine eindeutige Ursache gefunden wird, bedeutet das nicht, dass keine fundierte Einschätzung möglich ist. Gerade beim idiopathischen, also ursächlich nicht klar zuzuordnenden Vestibularsyndrom, erlaubt der Verlauf oft eine verlässliche Prognose.

Alltag mit einem betroffenen Hund – was wirklich hilft

Der größte Unterstützungsbedarf entsteht meist nicht durch die medizinische Behandlung, sondern im Alltag. Viele Hunde sind durch die Gleichgewichtsstörung stark verunsichert. Übelkeit, Schwindelgefühl und Orientierungsprobleme führen dazu, dass sie sich kaum bewegen möchten oder panisch reagieren.

Aus unserer Erfahrung hilft vor allem Ruhe und Struktur. Der Hund sollte sich in einer sicheren, rutschfesten Umgebung aufhalten, idealerweise ohne Treppen oder erhöhte Liegeflächen. Kurze Wege, gedämpftes Licht und gleichbleibende Abläufe entlasten das überforderte Gleichgewichtssystem. Häufig unterschätzt wird die Übelkeit: Frisst der Hund nicht oder erbricht, ist das kein Zeichen von „Verweigerung“, sondern Ausdruck echten Unwohlseins. Hier können gezielte Medikamente sinnvoll unterstützen.

Beim Aufstehen und Laufen benötigen viele Hunde in den ersten Tagen Hilfe. Ein Handtuch oder ein Tragegurt unter dem Bauch kann Stabilität geben, ohne Druck auszuüben. Wichtig ist, den Hund nicht zu überfordern. Gut gemeinte Aktivierung oder Trainingsversuche sind in dieser Phase kontraproduktiv. Das Nervensystem braucht Zeit, um sich neu zu organisieren.

Was Halter vermeiden sollten

Aus Unsicherheit heraus werden betroffene Hunde manchmal ständig getragen, permanent angesprochen oder zu Bewegungen animiert. Auch häufige Lagewechsel oder ständiges Kontrollieren können zusätzlichen Stress erzeugen. Ebenso problematisch ist es, Symptome zu bagatellisieren und abzuwarten, ohne tierärztliche Rücksprache zu halten. Gerade zu Beginn muss klar sein, mit welcher Form der Störung wir es zu tun haben.

Verlauf und Prognose

Bei der peripheren Form des Vestibularsyndroms sehen wir häufig innerhalb weniger Tage eine deutliche Besserung. Das Gangbild stabilisiert sich, die Übelkeit lässt nach, und der Hund gewinnt zunehmend Sicherheit zurück. Eine leichte Kopfschiefhaltung kann länger bestehen bleiben, beeinträchtigt die Lebensqualität in der Regel jedoch kaum.

Bei zentralen Ursachen hängt die Prognose stark von der Grunderkrankung ab. Hier ist eine individuelle Einschätzung entscheidend, und der Verlauf muss eng begleitet werden.

Unser Fazit aus der Praxis

Das Vestibularsyndrom ist für Halter emotional belastend, für den Hund selbst jedoch häufig weniger dramatisch, als es aussieht – vorausgesetzt, es handelt sich um die häufige periphere Form. Entscheidend sind eine frühzeitige tierärztliche Abklärung, eine realistische Einschätzung des Verlaufs und eine ruhige, unterstützende Begleitung im Alltag. Genau hier sehen wir unsere Aufgabe: nicht nur zu diagnostizieren, sondern Orientierung zu geben, wenn das Gleichgewicht – im wahrsten Sinne des Wortes – verloren geht.

Foto von Dr. med. vet. Sissi Jaggy
Praxisinhaberin

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